Die besten Filme aller Zeiten…

Neulich fragte mich das doch jemand allen Ernstes. Die 10 besten Filme aller Zeiten. Uneingeschränkt, vom Beginn der Kinematographie um 1895 bis heute, alle Genres eingeschlossen. Könnten Sie das?

Ganz abgesehen davon, dass ich zwar viele Filme kenne, aber bestimmt nicht alle. Möglicherweise Bestimmt verbergen sich noch Kleinode im Unbekannten. Aber ich werde es versuchen. Und weiß jetzt schon, dass ich die 10er-Marke reißen werde. Schon die 10 besten Dramen zu benennen fiele mir schwer. Oder die zehn besten Thriller. Uiuiui. Aber ich weiß, dass Menschen auf solche Favoriten-Listen abfahren.

Nur 10 Filme. Fangen wir mal mit 5 an. Aus der Hutschnur müssten auf die Liste:

L.A. Crash

(USA/Deutschland 2004) Originaltitel: Crash
Regie: Paul Haggis
Genre: Drama / Episodenfilm
Besetzung: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Jennifer Esposito, William Fichtner, Brendan Fraser, Terrence Howard, Thandie Newton, Ryan Phillippe
Auszeichnungen: Drei Oscars 2006 (Bester Film, bester Schnitt, bestes Original-Drehbuch), weitere drei Nominierungen (beste Regie, Matt Dillon als bester Nebendarsteller, beste Titelmusik).
Kurzabriss: Der Episodenfilm, der ausgerechnet in Los Angeles spielt, erzählt in Rückblenden von Vorurteilen gegenüber Fremden, Überfällen, rassistischen Übergriffen, Beziehungen, Schicksalen und sich zufällig kreuzenden Wegen. Iraner, Schwarze, Asiaten, Weiße — laut DVD-Hülle eine „Megacity im ganz normalen Ausnahmezustand“. Mehr ist angesichts der Komplexität der Ereignisse nicht möglich, ohne episch auszubreiten.
Warum ist der Film in der Liste? Die Komplexität macht’s. Zugegeben, den Film kann man nicht in jeder Gemütsverfassung schauen. Man muss sich einlassen, sollte jede der knapp 110 Minuten mit wachem Verstand verfolgen. Der Film berührt, macht nachdenklich. L.A. ist nur Fassade — Vergleichbares könnte in jeder Stadt passieren.
Die Darsteller sind durch die Bank vorzüglich; man merkt die jahrelange Vorbereitung und das Casting. Schnitt und Kameraführung sind ebenfalls großartig.
Lieblingszitat: „In L.A. berührt dich nie jemand. […] Ich glaube diese Berührung fehlt uns so sehr, dass wir miteinander kollidieren müssen um überhaupt etwas zu spüren.“

Picknick am Valentinstag

(Australien 1975) Originaltitel: Picnic at Hanging Rock
Regie: Peter Weir
Kamera: Russell Boyd
Genre: Ein bisschen Horror, aber nicht genug, um als Horrorfilm durchzugehen, und ein bisschen Sittengemälde der Zeit… und ein Drama, ja, das irgendwie auch.
Besetzung: Vivian Gray, Rachel Robert, Dominic Guard, Helen Morse, Jacli Weaver, Anne-Louise Lambert
Auszeichnungen:
Kurzabriss: Im Jahre 1900, am Valentinstag, dürfen die Mädchen eines Internats, in welchem es unter Mrs. Appleyard sehr streng zugeht, einen Ausflug zum Hanging Rock machen. Es ist heiß, eine zart aufkeimende, unterschwellige, kitschig- erotische Stimmung macht sich breit. Einige Mädchen steigen in den bizarr geformten Felsen — bis auf eines kommt niemand zurück. Die Suche bleibt erfolglos, die Überlebende kann sich an nichts erinnern…
Warum ist der Film in der Liste? Weil der Film wunderschön und fantastisch ist. Die harte Gangart im Internat, die trotzdem das Aufkeimen von einer (allerdings völlig unschuldigen) Sexualität nicht verhindern kann, steht im Kontrast zur ausgelassenen Stimmung beim Picknick. Aber es gibt Vorahnungen, dass etwas Schreckliches passieren wird. Eine subtile Bedrohung. Der Film lebt von der Atmosphäre, die teilweise so einschnürt wie die damals üblichen Korsetts, einer Atmosphäre, die aber auch etwas Befreiendes hat, wenn es um den Aufbruch ins Unbekannte geht, für die der Ausflug der Schülerinnen in den Hanging Rock steht. Grenzen, die voller Erwartung überschritten werden. Eine Auflösung des Rätsels um das Verschwinden gibt es nicht, auch keine Monster oder Blutorgien oder Computeranimationen. Der Film, der auf Joan Lindsays gleichnamigen Roman von 1967 basiert, lebt von der Stimmung und den Bildern, nicht von knallenden Effekten.
Kameraführung und Bilder sind brilliant. So sieht es aus, wenn geniale Regie und geniale Kameraführung aufeinanderrtreffen. Close-ups von Insekten, Weichzeichner und Gegenlichtaufnahmen, die an Hamilton erinnern, das Bürsten der Haare — der Kameraman ist inzwischen mit einem Oscar bedacht worden, Peter Weir wurde sechs mal nominiert.
Lieblingszitat: „Denn ein Traum ist alles Sein, und die Träume selbst sind Traum.“ [Miranda]

Alien

(UK 1979) Originaltitel: Alien
Regie: Ridley Scott
Genre: Sci-Fi / Horror
Besetzung: Sigourney Weaver, Tom Skeritt, Veronica Cartwright, Harry Dean Stanton, John Hurt, Ian Holm
Auszeichnungen: Academy Awards 1980: Ein Oskar (Special effects), eine Nominierung (Best Art Direction-Set Decoration). Dazu einige, weniger im Fokus der Öffentlichkeit stehende Auszeichnungen (beste Regie, bester Sci-Fi-Film, Veronica Cartwright als beste Nebendarstellerin, bestes Produktionsdesign…) und u.a. eine Nominierung für Sigourney Weaver als beste Darstellerin.
Kurzabriss: Der Erzfrachter Nostromo fängt ein Signal von einem unbewohnten Planetoiden auf, dem „Mutter“, der Boardcomputer, selbständig folgt. Dort sammelt man sich einen Alien auf, der sich zunächst mittels Säure durch einen Helm frisst, dann tot abfällt — bis nach einiger Zeit aus dem Körper des scheinbar Rekonvaleszierten ein Ding hervorschießt, das die ruhige Gangart der Besatzung stört und zu einer echten Bedrohung wird.
Warum ist der Film in der Liste? Ganz klar: Wenn schon Monster, dann dieses hier. Optisch beeindruckend, geschaffen vom Schweizer H.R. Giger, verströmt das Alien IMHO eine Bedrohlichkeit, die bis heute unübertroffen ist. Allen heutigen Trickmöglichkeiten zum Trotz funktioniert das Alien, wahrhaftig in Handarbeit geschaffen und von einem echten Menschen gespielt, wirklich gut.
Weiterhin überzeugt das Set-Design auf ganzer Linie, das Schiff ist dreckig und unorganisiert, die Gänge lang und länger. Die Darsteller der Besatzung sind hervorragende Schauspieler und verleihen dem Film zuweilen den Touch eines Kammerspiels, Kamera und Licht sind genial und zeigen Ridley Scotts überdurchschnittliche Begabung für beeindruckende Bilder.
Und schließlich Ripley, gespielt von Sigourney Weaver. Eine Frau als Heldin im Kampf gegen das Biest, eine Frau, die (noch) nicht die starke Führungskraft ist, sondern irgendwie dazu wird, weil sie es muss, wenn sie überleben will. Aus der Ruhe, in der sich so trefflich über Arbeitsbedingungen und Lohn lamentieren lässt, entwickelt Ripley in der Drucksituation Fähigkeiten, die in der Auseinandersetzung mit dem Alien absolut hilfreich sind: Sie läuft weinend um ihr Leben, die Coolness späterer Actionhelden geht ihr ab, aber sie denkt dabei nach und gibt nicht auf. (Wir Deutschen machen das oft anders: Wir jammern und stecken dabei den Kopf in den Sand.)
Lieblingszitat: „Ich bewundere die konzeptionelle Reinheit. Geschaffen, um zu überleben. Kein Gewissen beeinflusst es. Es kennt keine Schuld, oder Wahnvorstellungen ethischer Art.“

Heavenly Creatures

(Neuseeland, Großbritannien, Deutschland 1994) Originaltitel: Heavenly Creatures
Regie: Peter Jackson
Genre: Drama (und etwas psychologischer Thriller)
Besetzung: Melanie Lynskey, Kate Winslet, Sarah Peirse, Diane Kent, Clive Merrison, Simon O’Connor
Auszeichnungen: Fimfestspiele Venedig 1994: Silberner Löwe, Academy Awards 1995: Eine Oscar-Nominierung (bestes Original-Drehbuch), Empire Awards 1996: Kate Winslet — beste britische Schauspielerin, dazu zahlreiche Preise bei den New Zealand Film Awards 1995.
Kurzabriss: Christchurch, Neuseeland, in den 50er Jahren: Die beiden Außenseiterinnen Pauline und Juliet verbindet eine tiefe Freundschaft. Ungewöhnlich intensiv für die Moralvorstellungen der damaligen Zeit. Die Eltern versuchen, die Mädchen zu trennen. Der Hass wächst. Eine der elterlichen Ehen geht in die Brüche, Juliet muss nach Südafrika, eines lungenleidens wegen. Dem Vorhaben der beiden, gemeinsam zu gehen, steht nun noch Paulines Mutter im Weg, die kurzerhand mit einem Backstein erschlagen wird.
Warum ist der Film in der Liste? Er zeigt in hervorragenden, poetischen Bildern, zu welch großen Sprüngen die Beteiligten fähig sind. Eigentlich muss man Peter Jackson, den besessenen Visionär, nicht mehr vorstellen, die Verfilmung „Der Herr der Ringe“ ist über alle Zweifel erhaben. Kate Winslet hat wiederholt unter Beweis gestellt, dass sie eine ausgezeichnete Darstellerin ist. (Oscar und Golden Globe hat sie nach zahlreichen Nominierungen seit 2009 endlich im Regal.)
Die Fantasiewelt, in die sich Juliet und Pauline flüchten, wird mit beeindruckenden visuellen Effekten dargestellt — vor dem Auge des Betrachters materialisiert sich so die Welt in den Köpfen der Mädchen.
Der auf einem echten Fall basierende Film zeigt, wie individuelle Vorstellungen und gesellschaftliche Konventionen aufeinander prallen und wohin das führen kann. Die Mordabsichten schleichen sich durch die Hintertür langsam heran, bis sie schließlich eruptiv hervorkommen. Die Mädchen wollen schlicht und ergreifend ihr Leben leben, aber man macht es ihnen unmöglich. Jackson hat einen lesbischen Aspekt in den Film integriert, der den Moralvorstellungen extrem im Wege steht. Erschreckend ist, wie aus der scheinbaren Idylle langsam eine Art Horror emporkriecht. Ein Meisterstück!
Lieblingszitat: „Aber sie können uns nicht trennen!“ [Eigentlich ganz banal, das Zitat, aber es ist das so etwas wie das Leitmotiv des Films.]

Getaway

(USA 1972) Originaltitel: The Getaway
Regie: Sam Peckinpah
Genre: Road-Movie, Thriller
Besetzung: Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Al Lettieri, Sally Struthers, Bo Hopkins
Musik: Quincy Jones
Auszeichnungen: Golden Reel Award (Motion Picture Sound Editors), Golden Globe: Nominierung für Quincy Jones.
Kurzabriss: Die vorzeitige Haftentlassung erkauft sich Doc McCoy durch einen Deal: Er organisiert einen Banküberfall für einen korrupten Politiker und Mafioso, um dessen Veruntreuung einer größeren Menge Geldes zu verschleiern. Beim Überfall, den McCoy gemeinsam mit zwei Professionals durchführt, wird ein Wachmann erschossen, und eine gnadenlose Flucht quer durch Texas beginnt, bei der sich einige Gestalten mit wenig erfreulichen Absichten an die Fersen bzw. Radkappen heften.
Warum ist der Film in der Liste? Weil er wegweisend war für das Actionkino. Produziert von Walter Hill, einem der großen des Genres, unter der Regie von Sam Peckinpah, ebenfalls ein Markenzeichen für Qualitäts-Action, bietet der Film alles, was einen guten Actionfilm ausmacht: Er hat Tempo, ist dicht inszeniert und gut fotografiert, es gibt schicke Autos und fulminante Schießorgien. Die Protagonisten hetzen durch Situationen, die einen Aufenthalt in der Wildnis wie einen Familienurlaub erscheinen lassen. Und dann natürlich Ali MacGraw als Ehefrau McCoys, die in der Fortsetzung der „10 besten Filme aller Zeiten“ auch noch mal auftauchen wird. Sie erbringt einen Liebesbeweis, indem sie sich mit dem korrupten Benyon einlässt, um ihren Mann aus dem Gefängnis zu holen. Dem Leben der beiden sind viele Bilder gewidmet, teilweise retrospektiv, teilweise in Slow motion.
Ein Meilenstein!
Lieblingszitat: „Sei schön brav, sonst brech‘ ich dir das Ärmchen. OK?“ [McCoy zu einem Jungen in der Bahn, der ihn mit einer Wasserpistole bedroht und bespritzt.]

[… to be continued…]

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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