Zeitreform: Die neue Mathematik in Zeitplänen

Im Ernst, es gibt Schamgrenzen. Einsätze in der professionellen Pflege nach Null Uhr in der Nacht gehören sich nicht. Das kann man niemandem antun — weder den Kunden noch den Pflegekräften. Was aber, wenn sich rein rechnerisch die Einsätze doch so hinziehen?

Dann kommt eben die Zeitreform ins Spiel. Mein Vorschlag wäre: Minuten haben bei Bedarf 100 Sekunden, Stunden entsprechend 100 Minuten. Das kann man so machen, muss man aber nicht. Manche Betriebe gehen einen anderen Weg, um die Null-Uhr-Marke nicht zu knacken. Aber sehen Sie selbst: Dies ist ein Scan des Endes eines Tourenplans. Vielleicht finden Sie ja den Fehler…

Scan Tourenplan mit zweifelhafter zeitreform

Na, gefunden? Üblich ist eine bestimmte Einsatzzeit, die sich aus Art und Umfang der notwendigen Pflege ergibt. Die Fahrzeit von Einsatz zu Einsatz beträgt fünf Minuten — mal dauert sie nur 2, mal 12 Minuten, aber im Schnitt kommt das soweit hin. Und nun schauen wir mal etwas genauer hin: Vom Ende des einen (23:34) bis zum Beginn des nächsten (23:39) sind es — sehr korrekt — 5 Minuten. Dann 11 Minuten Einsatzzeit, wir landen bei 23:50 — wieder nicht zu beanstanden. Aber dann…

Vier Minuten zurück zum Betrieb, da fehlt schon mal eine Minute. 5 Minuten Abrüstzeit statt 10, aber auch das wäre noch in gewissem Rahmen zu tolerieren. Wir sind jetzt bei 23.59, der Beginn des folgenden Besuchs wäre [*AN DEN FINGERN ABZÄHLEND, DABEI DIE ZUNGE ZWISCHEN DIE ZÄHNE GEKLEMMT*]… um 0:04. (Wobei sehr bemerkenswert ist, dass man die Büroarbeit und Schlüssel- und Dienstwagenrückgabe vor Beendigung der Arbeit erledigen soll.)

Nichtsdestoweniger sind wir laut Plan bei 23:55, bewegen uns also in der Zeit rückwärts, entgegen allem, was wir im Physikunterricht gehört haben. 3-Minuten-Einsatz, im Anschluss wäre das in der Zeit vor der Mathereform demnach um 0:07. Laut Plan jedoch: 23:58. Der letzte Besuch (reell 0:07 plus 5 Minuten Fahrt = 0:12) soll laut Druckwerk erneut in der Vergangenheit liegen, nämlich um 23:56. Nicht nur keine Zeitspanne für die Anfahrt, nein, auch im Vergleich zur ausgedruckten Endzeit des vorherigen Einsatzes liegen wir nun bei minus 2 Minuten. Dieser Einsatz dauert wiederum 3 Minuten, reell wäre es inzwischen 0:15, aber der neuen Logik sei Dank sind wir eine Minute vor 24 Uhr fertig. Wie von Geisterhand. Apropos Geist: Ich bin schwer begeistert angesichts solcher kalkulatorischen Zaubertricks.

Es bleibt noch anzumerken: Sollte das Dienstfahrzeug, dem Plan gemäß, vor Ende der Tour abgegeben worden sein, und die Pflegekraft hat dann kein eigenes Auto dabei, dann wären selbst die Mathematikreform-Zeiten pure Illusion. (Noch purere Illusion, als sie es ohnehin schon sind.) Ich sage: Sagenhaft!

Und last, but not least: Man beachte noch die Wunschzeit des Einsatzes 23:59: Da steht… 20:00 Uhr. Na denn… knapp vorbei ist auch daneben.

In diesem Sinne…

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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