Ach, Guido…

Ein Freund aus Vancouver (ja, ich weiß, dass dort die Olympioniken werkeln, trotzdem kann man ja wohl da Freunde haben…) fragte mich während eines Telefonats, was denn der  Stein des Anstoßes sei, dass sich Deutschland gegen Guido W. quasi verschworen zu haben scheint. Ich erklärte ihm kurz die Grundsätze und Vorzüge des deutschen Sozialsystems und die Debatte um Hartz VI.

„No, we are not talking about the Harz Mountains“, erklärte ich ihm, da sei zwar der Wald nicht ganz gesund, aber immerhin gäbe es dort wieder Luchse und Waldkatzen und auch sonst sei es im norddeutschen Mittelgebirge im Prinzip richtig schön. Und richtig schön sei definitiv nicht die Formulierung der Wahl, wenn es um Guido W. geht. Weder optisch noch inhaltlich.

Zu lange habe Guido wohl die Oppositionsbank drücken müssen, da habe er wohl Nachholbedarf, was den Öffentlichkeitsfokus angeht.

Ob er ein guter Außenminister sei, wollte der Kanadier wissen. (Er, der Guide, nicht er, der kanadische Freund.)
„No, he’s probably the worst Secretary of  State ever,“ musste ich gestehen. Und mit seinen Fremdsprachenkenntnissen sei es offenbar auch nicht so weit her. Hätte nur noch gefehlt, dass er auf der Pressekonferenz, auf der er brüsk englische Fragen (und Antworten) zurückgewiesen hat, gesagt hätte: „That comes over head not in question!“ (Heinrich Lübke, Bundespräsident von 1959 bis 1969, war wahrlich keine rhetorische Leuchte und eher schlicht, aber immerhin aufrichtig und redlich.) Ich verdeutlichte ihm noch die Sichtweise verschiedener Politiker (wie jene von Renate Künast:  „offensichtlich ungeeignet„, ein „Politrowdy„, dem der „Diplomatenanzug […] Nummern zu groß“ ist).

Natürlich kam die Frage nach den Passagen, die die Entrüstungsstürme hervorgerufen haben, als da wären:

„Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“

sowie:

„Es mag mich der linke Zeitgeist dafür kritisieren. Ich bleibe dabei: Leistung muss sich lohnen, und wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet.“

Ich übersetzte.

„I’ve heard that the Federal Constitutional Court [also das BVerfG, das Bundesverfassungsgericht; eigene Anmerkung] objected to the legal regulation„, bemerkte der Nordamerikaner. „So you need a readjustment, but your Westwave Foreign Minister somehow presumes to have the right to slam the welfare recipients. How does that grab you?“

Mmhh, was halte ich davon? Im Prinzip sollten die Werktätigen (ich liebe dieses SBZ-Relikt, ein wundervolles Wort!) schon mehr haben als jene, die nicht arbeiten. Sonst fehlt ja irgendwo der Anreiz, einer geregelten, sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachzugehen. Nur: Viele kommen wegen der fehlenden Mindestlohnregelung, der Ausgliederung von Jobs in Serviceagenturen, die zwar demselben Unternehmen gehören, aber keine Tariflöhne zahlen müssen, ohne zusätzliche Unterstützung vom Amt nicht über die  Runden. (Schlecker sagt dem kanadischen Freund nichts, uns aber umso mehr. Ich musste den Sachverhalt daher induktiv verdeutlichen, obschon der Induktion die Gefahr von Fehldeutungen innewohnt*.) Von unverschuldeter Arbeitslosigkeit aufgrund der Wirtschaftskrise und Insolvenzen mal ganz abgesehen… als sei jeder, der ohne Arbeit ist, glücklich und zufrieden damit. Im Gegenteil.

„I’m pissed off by this“, musste ich zugeben. „We are on a dangerous, desastrous way.“ Die Einführung eines „minimum wage“, eines Mindestlohns, könnte meines Erachtens Arbeit attraktiv, gerecht und sozial werden lassen. Dem pflichtete mein Freund aus Vancouver bei. Die Nöte der Menschen jedoch, die im Brackwasser des Niedriglohnsektors herumpaddeln müssen, seien im freidemokratisch-liberalen Denkansatz nicht existent, somit sei eine Besserung der Sachlage „out of sight“.  So weit die Schilderung meiner Sichtweise.

„Is there a phrase that’s spinning around in your head when it comes to your Guido?“
Ich erklärte ihm, dass dieser Guido nicht der meinige sei und dass mir meine gute Kinderstube untersage, die Worte in den Mund zu nehmen, die mir im Kopf herumspuken. Ich beließ es also beim „misfitting dullard“, erwähnte noch kurz, dass Menschen mit einem Monatsgehalt von über 15.000 Euro (so viel verdient ein Bundesminister mit Bundestagsmandat) wohl zuweilen die Bodenhaftung und den Blick auf die realexistierenden Nöte und Sorgen verlören, dann legten wir auf. Schließlich gibt es gleich etwas Wichtigeres als die diskussions- und fragwürdigen Ergüsse des Guido W. (dem Horst Seehofer unterstellte, er sei „kein Tsunami – nur eine Westerwelle“) – in Vancouver spielt Kanada gegen die USA. Und Eishockey ist in Kanada eine Religion. Was man von Guido und seinen Thesen nicht sagen kann. Zum Glück!

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* Induktion am Beispiel von Guido W. und seiner FDP:

Richtige Schlüsse aus der Induktion:

Guido ist Chef der FDP.
Die FDP macht neoliberale Klientelpolitik für Unternehmen und Besserverdiener.

Alle in der FDP machen neoliberale Klientelpolitik für Unternehmen und Besserverdiener.

Hingegen falsche Schlüsse aus dem induktiven Vorgehen:

Guido ist ein Politiker.
Guido ist ein „Esel“ (Zitat Heiner Geißler, ehemaliger Generalsekretär der CDU und Attac-Aktivist).

Alle Politiker sind Esel.

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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