„Wir wollen lernen“ oder: Wie eine Initiative Innovationen zerstört

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Aufkleber gegen die Schulreform in Hamburg

Es lebt sich gut in Hamburg, fürwahr. Eine feine Stadt, momentan vielleicht etwas arktisch anmutend, aber gut, wir haben Winter, da ist das nicht wirklich ungewöhnlich. Glatt ist’s, Hamburg hat jetzt sogar eigens eine Hotline für Meldungen über besonders gefährliche Ecken ins Leben gerufen, und so mancher ist schon gehörig ins Trudeln geraten oder gar zu Fall gebracht worden.

Womit wir beim Thema wären – zu Fall gebracht ist ein Stichwort. Passend allemal, aber nicht schön. Die Freie und Hansestadt hat, Sie haben das bestimmt schon mal mitbekommen, einen Schwarz-grünen Senat, der zwar den einen oder anderen Kompromiss in den Koalitionsverhandlungen aushandeln musste, aber insgesamt gut funktioniert. (Vor allem im direkten Vergleich mit der angeblichen Liebes-Koalition auf Bundesebene…)

Mutig war dieser Schritt in jedem Fall, und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Nur so können innovative Ideen umgesetzt und etwas Neues geschaffen werden. (Auch hier lohnt es sich, nach Berlin zu schielen, wo eine rückwärtsgerichtete, perspektivlose Politik das Tagesgeschäft bestimmt — wir können leicht erkennen, was herauskommt, wenn Politik den Blick über den Tellerrand scheut.)

Aber ich bin etwas vom Weg abgekommen, Verzeihung. Schwarz-grün in Hamburg hatte den Mut, eine Schulreform aus der Taufe zu heben, die diesen Namen wahrlich verdient. Hinfort mit den einzelnen Schulformen Haupt- und Realschule, dafür soll die Stadtteilschule her, die alle Abschlüsse ermöglichen soll. Warum nicht? Wer im Verlauf der Jahre entdeckt, dass da ungeahnte Fähigkeiten schlummern, der macht einfach weiter, ohne einen Schulwechsel mit einem völlig neuen Umfeld in Kauf nehmen zu müssen. Daneben das Gymnasium, der Hort des Wissens, mit dessen Besuch Eltern oft angeben und sich eine Elite herauskristallisiert, die sanft lächelnd auf den Rest der Welt herabsehen kann. (Nein, ich möchte das Gymnasium nicht schlecht reden, ich habe selbst eines erfolgreich bis zur allgemeinen Hochschulreife besucht, aber lassen Sie  mir dieses Bröckchen Polemik, zumal es einem Zweck dient, der sich gleich zeigen wird, wenn Sie Frau Müller und Frau Meier kennen lernen.)

Die Stadtteilschule ermöglicht das Abitur nach 13 Schuljahren, das Gymnasium bereits nach 12, wie es derzeit schon gängige Praxis ist. Das alleine wäre schon ein mutiger Schritt, aber es kommt noch besser: Die Grundschule weicht einer Primarschule, in der Kinder von der Vorschule (über deren Abschaffung nachgedacht wird) an bis zur 6. Klasse gemeinsam lernen können. Über den weiteren Weg ab Klasse 7 sollen die Lehrer entscheiden, nicht die Eltern. (Eingeschränktes Elternwahlrecht, so die korrekte Bezeichnung.)

So war es gedacht, so sollte es werden. Aber dann kam die Initiative „Wir wollen lernen!“, schoss quer, nutzte die Gunst der Stunde, die allgemeine Verunsicherung, und nachdem die Verhandlungen mit dem Senat nun als gescheitert gelten dürfen, steht die mutige, innovative Hamburger Schulreform auf der Kippe. Ein Volksentscheid, dessen Ausgang dann bindend ist, wird wohl im Sommer kommen, da muss ich nicht außerordentlich hellseherisch veranlagt sein, um das zu prophezeien.

Die Initiative will einen freiwilligen Primarschulbesuch, keinen verbindlichen, außerdem ein Elternvotum, auf welche Schule es gehen soll, ein Votum, welches möglicherweise konträr zu jenem der pädagogischen Profis steht. Und Primarschulen sollten nicht flächendeckend eingeführt werden, sondern versuchsweise und zeitlich begrenzt bis 2013. Im Anschluss soll eine Kommission klären, ob die Lernleistungen an Primarschulen denen im herkömmlichen System mit dem Besuch der weiterführunden Schule nach Grundschulklasse 4 überlegen sind.

„Wir wollen lernen“ — der Name war hier leider nicht Programm. Nichts gelernt, nicht wirklich die Idee hinter der Schulreform verstanden haben die Damen und  Herren der Bürgerini. Anfänglich hatte ich die Hoffnung, dass in den von Versand-Otto moderierten Gesprächen eine Lösung erzielt werden kann, wenn der Stolperstein des eingeschränkten Elternwahlrechtes aus dem Weg geräumt worden ist. Pustekuchen! Die Abscheu gegen diese Schulreform sitzt offensichtlich tiefer verankert im Pfeffersack-Herz.

Man stelle sich vor, Frau Müller aus der Nachbarschaft trifft Frau Meier beim Schlachter Krause. Mit stolzgeschwellter Brust erzählt Frau Müller, ihre Tochter habe eine Gymnasialempfehlung. Nach der unvermeidlichen Frage, für welche Schulform denn die Pädagogen des Meier’schen Nachwuchses plädiert hätten, treten der bedauernswerten Frau Meier Tränen in die Augen, sie vergisst die Schweinskopfsülze und das Rinderragout und stürzt bestürzt aus dem Geschäft — denn ihr Kind hat keine Gymnasialempfehlung erhalten, sondern nur eine für die schmuddelige Stadtteilschule. Ein Drama! Eine Trägödie! Hätte man sie, Frau Meier, entscheiden lassen, dann wäre ihre Entscheidung klar gewesen: Das Gymnasium, die Krönung der schulischen Bildung.

Ich kenne aus meiner Zeit zahlreiche Fälle, in denen die Wahl der Eltern eine schlechte gewesen ist — und zwar in beiden Richtungen. Mal unter- mal überfordert, haben Kinder die Lust am Lernen verloren. Das neue System hätte diesbezüglich klare Vorteile: Die Lehrer als Lernmoderatoren und -berater holen Kinder dort ab, wo sie stehen, eine individuelle Förderung inklusive. Eine ausgebliebene Gymnasialempfehlung würde nicht das Aus aller schulischen Träume bedeuten — an der Stadtteilschule ist, entsprechende Leistungen vorausgesetzt, jeder Abschluss möglich. Nicht von Beginn an in eine Schublade sortiert, wohl aber im gewohnten Peer group-Umfeld, lässt sich ein Niveautransfer leichter bewerkstelligen. In jedem schlummern Potentiale und Begabungen — Schätze, die nicht nur gehoben werden wollen, sondern müssen.

Und wo liegt der Vorteil der sechsjährigen Primarschule? Länger gemeinsam lernen ist ein Schritt, frühzeitige Selektion zu umgehen. Mal im Ernst: Glauben Sie, dass ein Kind nach der 4. Klasse, also im Schnitt in einem Alter von 10 Jahren, in eine Schulform-Schublade einsortiert werden kann? Etliche Studien  belegen, dass das nicht möglich ist. Besonders benachteiligt sind Kinder mit Migrationshintergrund (Deutschland ist ein Einwanderungsland, da beißt keine Maus den Faden ab!) und jene aus  bildungsfernen Elternhäusern (was angesichts der Perspektivlosigkeit, der weiten Verbreitung der BILD und Fernseh-Gewohnheiten, die in Richtung „DsdS“ und Daily Soaps tendieren, nicht besonders schwer fällt. Sollten Sie sich angesprochen fühlen und opponieren: Ich habe das nie geschrieben!). In kaum einem Land hängt schulischer Erfolg so sehr vom sozialen Hintergrund ab wie in Deutschland — traurig, aber wahr. Es gibt allerdings bereits Schulen, die Heterogenität als Chance verstehen und den individuellen Bildungsauftrag ernst nehmen. Eine flächendeckende Einführung eines Schulsystems, das soziale Unterschiede zu reduzieren vermag und individuell fördert, wäre da doch allemal erstrebenswert. Sagen Experten, sagt auch der gesunde Menschenverstand, aber fragen Sie mal die Initiative „Wir wollen lernen!“.

Warum aber will die Bürgerini „Wir wollen lernen“ die Reform nicht? Bestandswahrung ist hier das Stichwort. Pfeffersäcke geben nicht gerne ab. Wer es sich in seinem Sessel richtig gemütlich gemacht hat, wer finanziell gut dasteht und sozial integriert ist, dem ist der Rest der Welt mit all seinen Problemen, seien sie nun sprachlicher, beruflicher oder sozialer Natur, vermutlich — verzeihen Sie mir bitte diesen Ausdruck — scheißegal.

Erschwerend hinzu kommt ein Szenario wie dieses: Der Sohn von Pfeffersack A ist keine schulische Leuchte und geht bei den Gymnasialempfehlungen leer aus. Alle Kinder der Freunde, Geschäftspartner und Golfclubkollegen des Pfeffersacks A haben eine, nur sein Sprössling muss die Stadtteilschule besuchen. Holla die Waldfee! Eine gesellschaftliche Katastrophe ungeahnten Ausmaßes! Vor der Reform, ja, da hätte er, der Pfeffersack A, einfach ein Veto eingelegt, möglicherweise auf die lange Tradtion der Familie A hinsichtlich der höheren humanistischen Bildung hingewiesen — und den Filius aufs lokale Gymnasium geschickt. Dann wäre der immerhin mit seinen Reitclub-Freunden zusammen, und die Ehre ist gerettet. Das soll nun plötzlich nicht mehr möglich sein? No way!

Vielleicht haben jene, die die Schulreform wollen, die Positionen nicht klar genug gemacht. Möglicherweise ist auch die ungewisse konkrete Ausgestaltung der Schulpraxis nach der Reform mit verantwortlich — allzu klar ist das selbst denen noch nicht, die wie ich im Elternrat einer Schule tätig sind. Solche Unzulänglichkeiten führen dazu, dass eine Gruppe feiner, honorabler Bürger da und dort offene Türen einrennt, zumal dann, wenn sie organisatorisch auf gut funktionierende Seilschaften zurückgreifen kann. Es ist nicht leicht, gegen eine so aufgstellte Front Positionen zu beziehen. Aus Unsicherheiten, wie das alles mal werden und funktionieren soll, können mit groß angelegten Werbestrategien rasch Ängste geschürt werden, die in prall gefüllten Listen gegen die Reform münden. Sie können aber mal spaßeshalber nachfragen, welche konkreten Bedenken die Bürgerinitiative gegen die Schulreform hat — erwarten Sie aber bitte nicht mehr als  Plattitüden.

Richtig übel aber ist der Vorwurf der „Gleichschaltung“, dem sich Christa Goetsch ausgesetzt sehen musste. Gleichschaltung — da war doch was? Richtig, die gleichgeschaltete Pädagogik der Nationalsozialisten. In diesem Dunstkreis muss derVorwurf  der Gleichschaltung auch angesiedelt werden. Ach je, wer angesichts der Ziele dieser Reform so vorgeht, der hat den Namen seiner Bürgerini mehr als bitter nötig. „Wir wollen lernen!“ — dann, bitte schön, hier sind die Hausaufgaben: Die Damen und Herren Reformgegner recherchieren bitte die Gegebenheiten des Schulsystems des 3. Reiches. Einen 20-seitigen Aufsatz hätten wir gerne. Vielleicht fallen da gewichtige Unterschiede auf, die einen Vergleich dieser Art als unzulässig entlarven. (Wenn nicht, dann können wir auch nicht mehr helfen. Wirklich nicht.)

Bei den Griechen, zu Zeiten, als der Pleitegeier noch nicht über dem südeuropäischen Land kreiste und das Staatsdefizit genüsslich beäugte, hätte man von Sykophanten gesprochen. Die Bedeutung dieses Wortes kann im Zusammenhang mit der Hausaufgabe auch gleich ergründet werden; schließlich wollt Ihr ja lernen, oder?

Zum Vertiefen hier noch ein Link: Hamburg macht Schule. Zeitschrift für Hamburger Lehrkräfte und Elternräte. Sonderdruck 2009. Sechsjährige Primarschule.

Und hier die Seite Pro Schulreform

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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4 Antworten zu „Wir wollen lernen“ oder: Wie eine Initiative Innovationen zerstört

  1. michaela schreibt:

    Sicherlich hast Du in vielen Dingen recht. Anscheinend gehst Du aber vom best case scenario aus, wenn Du meinst, dass Lehrer grundsätzlich Menschen sind, die sich für ihre Schüler interessieren und einsetzen. Aus meiner Zeit auf dem Gymnasium (ups! Jetzt hab‘ ich mich doch glatt geoutet) kann ich nur berichten, dass dem nicht so ist. Alkoholkonsum, nervöse Schuppenflechte und/oder stupide Arroganz sind bei 50% der Lehrer an der Tagesordnung gewesen.
    Mag sein dass das heute anders ist.
    Zum Thema schwarz-grün enthalte ich mich lieber eines Kommentars – aber die Schulreform scheint noch eine der besseren Ideen dieser Koalition zu sein.

    • kunstgriff schreibt:

      Zum Thema Schwarz-grün in Hamburg hatten wir auch mal was — das meinte ich mit Kompromissen, die sicherlich nicht immer die jeweiligen Wähler zufriedenstellen.
      Warum ich so zuversichtlich bin? 1. Es kann kaum schlimmer werden. 2. Lehrer sind prinzipiell lernfähig. 3. Ich bin selbst an einer Berufsschule tätig und habe die Erfahrung gemacht, dass das Interesse am Schüler und dessen intensive Förderung zwar Arbeit macht, aber unterm Strich mehr erfüllt. Das hat sich auch unter vielen anderen herumgesprochen. (Inzwischen — während meiner Abizeit hatte ich genau 2 Lehrer, die sich wirklich um den persönlichen Lernerfolg gekümmert haben.)
      Und 4. Die Grundschule meiner Söhne, einer der langjährigen Vorreiter der Reform, wird Primarschule, und es gibt schon jetzt zahlreiche Gymnasiallehrer, die sich freiwillig auf das Wagnis „Klasse 5 & 6 an der Primarschule“ einlassen wollen.

      Schwachpunkt der Reform ist und bleibt die noch zu ungenaue Vorstellung der Ausgestaltung. Aber an Sinn und Zweck der Maßnahme gibt es m.E. pädagogisch nichts zu rütteln.

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