Der Torhüter und die schwarze Lady — „Wir dachten, wir schaffen alles“

Robert Enke ist tot. Erst dachte ich, ich hätte mich verlesen. Wie kann ein 32-jähriger Weltklasse-Torhüter, der nach seiner bakteriellen Darminfektion genesen in den 7,32 Meter breiten und 2,44 Meter hohen Kasten von Hannover 96 zurückgekehrt ist, plötzlich tot sein? Das Entsetzen über seinen Freitod ist groß.

Das Geschmackloseste, was ich zu diesem Thema heute gelesen habe, ist der Kommentar 1463 im Forum dieses Artikels: „Sein letztes Autogramm steht nun auf dem­ Regionalexpress 4427 von Bremen nach Hannover.“

Eine gewisse Größe liegt in der Reaktion des Deutschen Fußball-Bundes. Auch die Absage des Länderspiels gegen Chile empfinde ich, wie es auch Theo Zwanziger gesagt hat, als „alternativlos“.

Robert Enke war ein Ausnahmesportler, ein hervorragender Torwart und auch ein feiner Mensch, der sich sozial engagiert hat. Vieles jedoch wird zur absoluten Nebensache, wenn man bedenkt, dass es offenbar Selbstmord aufgrund einer Depression war.

Jemand, den ich sehr schätze, beschäftigt sich als Betroffener in seinem Blog ausgiebig mit demThema Deperession. Ulf nennt sie die „Schwarze Lady“. Depression ist irgendwie so ein abgenutzter Begriff. Er wird zuweilen im falschen Kontext oder verharmlosend verwendet. Dabei ist die Depression wohl das Furchtbarste, was einem im Leben begegnen kann. Wer sich — wie ich — professionell mit dieser existenziell bedrohlichen Erkrankung auseinandersetzen muss, der kann sich nur glücklich schätzen, nicht unter ihr zu leiden.

Aber dass ich heute persönlich nichts damit zu tun habe, ist keine wirkliche Beruhigung für die Zukunft. Gestern lief die Waschmaschine noch tadellos, heute ist sie kaputt. Gestern noch war ich gesund, heute habe ich die Schweinegrippe. Gestern noch war ich fröhlich und lebensbejahend, aber morgen schon könnte ich depressiv sein. Bei wem sich im Hirn ein Schalter umlegt, ist nicht vorhersagbar. Allerdings trifft es oft die Sensiblen, die Einfühlsamen. Jene, für die Altriusmus und Empathie keine Fremworte sind. Es ist keine Frage der Intelligenz, der Lebensumstände oder des Geldes.

Robert Enke wollte — wie so viele — nicht darüber reden. Niemand sollte es wissen. Die Angst vor sozialer Ausgrenzung, vor dem Verlust der Arbeit und der Freunde war zu groß. Ein unglaublicher Leidendruck, der so nicht zwnagsläufig nachvollziehbar ist. Es gibt gute Medikamente, die eine geeignete Einstellung ermöglichen. Trotzdem kann es akute Schübe geben, die nicht unbedingt ersichtlich sind, wenn die mühsam aufgebaute Fassade hält. Die Umstehenden trifft eine Freitodentscheidung wie der berühmte Knüppel auf den Kopf. (Einer meiner besten Freunde in der Abizeit, zufällig auch ein Ulf, suizidierte sich in der 12. Klasse, indem er sich in einem geliehenen 5er-BMW ungebremst vor einen Baum setzte. Damals zermarterte ich mir lange das Hirn, ob ich das hätte kommen sehen müssen. Ob ich Zeichen nicht erkannt hatte.)

Obwohl den an Depression erkrankten Menschen die Umwelt meist alles andere als egal ist, sind sie zuweilen der Meinung, die Welt sei ohne sie besser dran. Und gerade in solchen Situationen kommt es zu scheinbar rücksichtslosen Verhaltensweisen: Hat Robert Enke bei seiner Entscheidung auch an den Lokführer gedacht? Möglicherweise wird der dieses Trauma nie verarbeiten können. Ihm gilt mein Mitgefühl, natürlich auch der Familie von Robert. Unabhängig von seinem Status als Spitzensportler und in der Öffentlichkeit stehender Person: Um jeden, der mit seiner Krankheit keine andere Wahl als den Suizid zu haben glaubt, darf getrauert werden. Sei es nun Robert Enke oder Erwin aus Castrop-Rauxel.

Depression ist eine Geißel. Robert Enkes Frau hat auf der Pressekonferenz gesagt: „Wir dachten, wir schaffen alles.“ Leider war dem nicht so.

Nicht jeder schafft, was Ulf geschafft hat: „Ich will nicht mehr nur nicht sterben, ich will leben!“ Aber es wäre jedem zu wünschen, eine Depression besiegen zu können. Ein Leben ohne die „Schwarze Lady“ führen zu dürfen.

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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