Heiraten Sie eine Schildkröte!

Oder eine Ente. Meinethalben auch eine Katze. Ach, heiraten Sie doch, was Sie wollen. Klingt ziemlich doof, oder? So argumentiert man aber im konservativen Lager in den USA gegen die schwule Ehe:

„[…] you would let everybody get married who want to get married. You want to marry a turtle, you can.“

Die polygame Ehe könnte man dann auch gleich mit erlauben, sagt er:

„[…] if you OK gay marriage, then you have to do plural marriage […]“

Beides ist so logisch,… …dass ich kotzen könnte. Früher hat man Schwule und Lesben verfolgt, Homosexualität war die „namenlose Liebe“, es gab Paragraphen gegen die angeblich strafbare Handlung und sogar eine entsprechende psychiatrische Diagnose. Vieles hat man gestrichen zwischenzeitlich, es gibt zahlreiche Staaten, die eine gleichgeschlechtliche Ehe erlauben, aber es gibt noch immer Staaten, vornehmlich im nahen und mittleren Osten sowie in Afrika, die noch immer Todesstrafe für Homosexualität kennen. (Quelle.) Ach, bedarf es einer gesonderten Erwähnung, dass auch der Vatikan und die katholische Kirche eine gespaltene Haltung zur Homosexualität haben? Ganz abgesehen von der offenkundigen Homophobie im (Profi-)Fußball. Es gibt viele Homosexuelle, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen oder standen: Alfred Biolek, Oscar Wilde, Ole von Beust, Elton John, Freddy Mercury, Rock Hudson, Hape Kerkeling, Guido Westerwelle, Klaus Wowereit, Sir Francis Bacon, Ludwig Wittgenstein, Martina Navratilova, Tracy Chapman, Robespierre, Platon… vermutlich könnte ich morgen noch schreiben, wollte ich sie alle aufzählen. Sind oder waren die alle schlechtere Menschen? Selbst unter unseren nicht-humanoiden Mitgeschöpfen gibt es Schwule und Lesben, zahlreiche homosexuelle Ereignisse sind dokumentiert. Und nun kommt Bill O’Reilly daher und stellt in seiner Show „The O’Reilly Factor“ auf Fox die Behauptung auf, die Legalisierung der Homo-Ehe führe zu Ehen zwischen verschiedenen Spezies. Und zur Vielehe. Versuchen wir mal, die Argumentation O’Reillys nachzuvollziehen. Ehe kann man (im westlichen Kulturkreis) als rechtlich legitimierte Lebensverbindung zweier Menschen definieren. Also zweier Menschen, die — abhängig vom politischen Willen — gleichen oder unterschiedllichen Geschlechts sein können. Der Ansatz, dass daran zwingend ein Mann und eine Frau beteiligt sein müssen, also die Verschiedengeschlechtlichkeit, ist in vielen, aber längst nicht allen Ländern die Grundvoraussetzung. Mehr Partner sind nicht vorgesehen, das sagt auch die republikanische Strategin Hoover in dem Gespräch. Das würde eine Gesetzesänderung nötig machen. Die Befürchtung, die gleichgeschlechtliche Ehe würde wirklich abstrusen Ehekonstrukten Tür und Tor öffnen, ruft bei mir ein Kopfschütteln hervor. Alleine schon deshalb, weil der Vergleich ganz mächtig hinkt. Ich habe nichts gegen die Tiere, die mit uns den Planeten teilen, ganz im Gegenteil, und mir ist auch bewusst, dass ein Tier für manche Menschen ein Partner- oder Kindersatz ist. Emotionen kümmern sich meist einen Dreck um gesellschaftliche Konventionen. (Wie sie gelebt werden, steht auf einem anderen Blatt.) An Treue sind Tiere ohnehin dem Menschen weit überlegen. Aber kein gesund denkender Mensch käme auf die Idee, ein Tier ehelichen zu wollen. Dass man darauf kommt, von einer gleichgeschlechtlichen Ehe auf jene mit Tieren zu schließen, zeigt mir, wie tief die Verachtung für homosexuelle Mitmenschen sein muss. Als seien diese Menschen 2. Klasse. Das Recht, seine Liebe nach außen hin symbolisch zu zeigen, sollte allen Menschen ermöglicht werden. Homosexuelle haben die gleichen Bedürfnisse nach Geborgenheit und Nähe. Der Unterschied liegt einzig und allein darin, dass der Partner nicht ein anderes Geschlecht hat. Bei aller Liebe zu Tieren (ich habe selbst welche): Dieses Argument gegen die Homo-Ehe zieht überhaupt nicht! Aber im erzkonservativen Lager der Vereinigten Staaten von Amerika muss man wohl richtig tief in der Kiste mit hanebüchenen Thesen wühlen, um nicht ganz ohne Argumente in die Debatten zu gehen. Auch wenn man sich damit selbst disqualifiziert.

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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3 Antworten zu Heiraten Sie eine Schildkröte!

  1. Johanna schreibt:

    Es gibt ja da diese Frau, die mit dem Eifelturm verheiratet ist.

    • kunstgriff schreibt:

      Ah, deshalb hat die Sau sich getrennt. Ich verstehe…. (Der Eiffelturm, nicht die Frau. Es gibt viele Frauen, aber nur einen Eiffelturm.)

  2. Pingback: Zwei Saaten auf einem Feld, brennende Stiere am Altar und kanadische Sklaven « Wahnwogen

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