BemerkensWert: Tagesnachlese vom 29.3.09

Abstinenz — ohne jedwede Methode oder wie auch immer geartete Absicht. Schlicht und ergreifend: Zeitmangel. Klausuren wollen vorbereitet, Hintern gewischt, Schüler mit Wissen versorgt und Kinder bespielt werden. (Die Reihenfolge sagt nichts über die Prioritäten aus.) Nach acht Tagen also mal wieder eine Tagesnachlese. Streng genommen eher eine Art Wochennachlese. Aber länger wird sie deshalb nicht ausfallen; das Netz hat mich kaum gesehen, nur für ein paar Zitate und Fotos hat die Zeit gereicht.

Heute hatte ich Dienst am Nächsten. Helping hands, legitime Nachfolge von Florence Nightingale. Also Patienten anfahren (das heißt im Jargon der ambulanten Pflege wirklich so — mir persönlich ist’s auch eine Spur zu martialisch. „Wann dürfen wir Sie denn morgen anfahren?“ „Ach, wissen Sie, mein Arzt macht um 8 auf.“).

Ein Wetterchen wie aus dem Bilderbuch heute, die Zwitschlein vögeln Vöglein zwitschern, und ich setze mich den zweifelhaften Geruchserlebnissen schlecht gelüfteter Wohnungen aus — Ausdünstungen, Ausflüsse, Ausscheidungen. Gehört halt zum Menschsein dazu irgendwie. Und doch ist das eine Störung olfaktorisch orientierter Menschen. Erschwerend hinzu kommt der obligatorische Smalltalk, für den man ich nicht immer ausgelegt ist. Klar, Krankenpflege ist auch ein sozialer Beruf.

„Bei dem Wetter wären Sie doch auch lieber mit Ihren Kindern unterwegs, oder?“ (Nein, keine Sorge, ich mache mir nichts aus Familie, und die aufkeimende Natur finde ich einfach widerlich — Sonne sowieso.) „Sie machen mir die Wärmflasche aber mit heißem Wasser, ja?“ (Wieso? Heißen die nicht Kälteflaschen? Ich wollte da Eiwürfel reintun.) „Fällt Ihnen das nicht schwer, meinen Mann zu Bett zu bringen?“ (K-k-k-k-e-e-i-i-n-n-n P-p-p-r-r-r-o-o-o-b-b-b-l-l-e-e-e-m-m-m, der Transfer von 120 Kilo Lebendgewicht ist ein von Kindesbeinen an liebgewonnenes Hobby.) „Ich weiß, dass Sie viel zu tun haben, aber könnten Sie mir eben mal die Birnen in der Abstellkammer und im Allibert-Schrank wechseln und den Müll in der Küche bündeln und in den Ascheimer werfen?“ (Klar, die Kassen bewilligen uns ja fette drei Minuten für eine Medikamentengabe, da ist noch jede Menge Zeit für unbezahlte Nebenarbeiten.)

So geht das den lieben langen Tag. Das T-Shirt mit dem Aufdruck „Altruismus hat Grenzen“ habe ich neulich als Dienstbekleidung vorgeschlagen. Insgesamt haben die Kollegen nichts dagegen, einige wollten erst nachschlagen, was Altriusmus bedeutet und sich dann entscheiden — nur die Chefetage ist noch nicht so überzeugt.

Für  das Netz blieb leider nicht viel Zeit, aber letztlich findet das Leben ja auch anderswo statt, außerhalb der Netzosphäre, im Real life. Aber ich habe immerhin mal nachgesehen, was die BlogRoll so zu vermelden hat.

Ami — angesichts dieses Artikels wirklich „embedded“ in die Familienhölle. Das klingt nicht nach Harmonie. Und: Eine „erziehungsbeistandschaft“, die „einfach nur noch den fall abgeben“ will — wie bekannt mir das doch vorkommt. Auf eine fast perverse Art vertraut. Auch Eltern sind Menschen (doch doch,  das stimmt!), und Menschen können Fehler machen — müssen es aber nicht. Ich hatte mir auch mal vorgenommen, perfekt zu sein und alles managen zu können. Neulich brainstormten DIE Frau und ich eine aus dem Ruder gelaufene Situation, die mit Verdacht auf Nasenbeinbruch endete (der Geschlagene heulte Rotz und Blut, der Schlagende heulte vor Schreck über das, was geschehen war) — und kamen zu dem Schluss, dass auch das Familienleben eine zuweilen ungeahnte Eigendynamik hat, der nur schwer oder eben  garnicht beizukommen ist.
Der „komische Freitag„, mit angefahrenem Reh, „krassen“ jungen Menschen, einem sicherlich schmerzhaften Sturz im Autohaus sowie einer „empfangsschaltertussi“, einer „hirnlosen schnepfe“, ist angesichts der Ereignisse sicherlich auch nicht gerade unter derKategorie „genialer Tag“ einzuordnen, aber äußerst lesenswert. (Und zeigt mir, warum „Ami“ einen Platz in der BlogRoll sicher hat.)

Cindy sucht auf der Blogwiese eine Freundin von früher. Meine Frau wurde auch vor knapp vier Jahren von ihrer Grundschulfreundin wiedergefunden — und hat im letzten Jahr die Trauzeugin gegeben bei deren Hochzeit. Die 16 Linktipps für Bildbearbeitungen sind g… gut, genial, glasse. (An der Verwendung des Wortes GEIL — wie in diesem Beispielbeteilige ich mich nicht.)

Die „Neuen Fragmente eines Ungenannten“ beschäftigen sich im Aphorismus #310 mit einem Marx-Zitat über Feuerbach. Dessen anthropologischer Atheismus hat damals, während meiner Oberstufenzeit, so manche hitzige Diskussion ausgelöst.

Johanna, die sonst eher SEZt, performt jetzt auch in bewegten Bildern. Nach der Ankündigung wurde es ernst: Die Performance: hervorragend, allerdings war mir die Musik etwas zu laut abgemischt, mein Ohr schmerzt jetzt noch, aber gut… die nächste Runde kommt, und dann hänge ich mich voll rein.

Oooops, es ist spät, und ich muss noch schlafen, leider. Dann gehe ich mal.

Mit Ohrenschmerzen, Mitgefühl für die geschundenen Knochen, das angefahrene Wildtier und die Dramen im Hause Ami verbleibe ich

in diesem Sinne…

J.

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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2 Antworten zu BemerkensWert: Tagesnachlese vom 29.3.09

  1. Johanna schreibt:

    Na dann schon mal viel Glück für die nächste Runde!

    • kunstgriff schreibt:

      Danke! Die Performance war echt nicht schlecht, aber ich war 1. zu spät (da war’s schon gelöst) und habe 2. zu sehr auf den Hintergrund geachtet. Ungeachtet des „Höllenlärms“, den dein Video verursacht hat. (Mir klingeln noch immer die Ohren, selbst die Tuba eustachii knarzt im Takt der Musik.)

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