Winnenden

Niemand hat gesagt, dass wahnwogen immer lustig oder unterhaltsam sein müssen. Der Amoklauf in Winnenden nahe Stuttgart ist weder unterhaltsam noch lustig. Für jeden, der in diesem Zusammenhang sein Leben lassen musste, für deren Angehörige und Freunde, aber auch für die Überlebenden, ist es eine Tragödie. Für Baden-Württemberg ist es eine, für Deutschland, für die Welt.

Wer unbedingt nachlesen möchte, was sich zugetragen hat in Winnenden, der findet im Netz etliche Quellen. Wer es nicht möchte, wem es — wie mir — langsam echt reicht, eine menschliche Tragödie auf diese omnipräsente mediale Art ausgeschlachtet zu wissen, der kann dem trotzdem kaum entgehen. Wer sich beispielsweise bei GMX um seine Emails kümmern möchte, dem begegnen heute auf der Startseite: [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] Artikel zum Thema. Bei Yahoo sieht es etwas besser aus: Nur [1] [2] Artikel zum Thema auf der Startseite. Die Liste ließe sich fortsetzen. Beim RSS-Feed der ARD, der bei mir in der Lesezeichen-Symbolleiste verankert ist,  sind es derzeit [1] [2] [3] [4] [5] [6] Artikel. 6 von 20 nur zu diesem Thema.

Mehr werde ich nun auch nicht durchsuchen. Es reicht, um aufzuzeigen, was ich meine. Ist es die Quote, die eine derart hohe Frequenz an Artikeln nötig macht? Ist es die Pflicht der Medien, hier so ein Fass aufzumachen und sich  in allen erhältlichen Details zu ergehen? Wundert es da, dass sich so viele  Trittbrettfahrer einfinden?

Vielleicht erinnern Sie sich an den Film „15 Minutes“ („15 Minuten Ruhm“). Der Titel in Anlehnung an ein Zitat von Andy Warhol, wonach jeder 15 Minuten Ruhm erlangen kann. Robert DeNiro und Edward Burns in den Hauptrollen, FSK 18. Gewalttätig bis zum Abwinken. (Ich finde den Film trotzdem gut, schon wegen der Aussage, der prinzipiellen Kritik an der Verknüpfung von Medienberichterstattung mit dem Verbrechen.)

Aber als generelle Medienschelte möchte ich diesen Artikel auch nicht verstanden wissen. Eine Generalisierung bringt in den meisten Fällen nichts. Ebensowenig übrigens wie reflexartiger Aktionismus. Verbietet Ego-Shooter! Verschärft das Waffengesetzt! Sichert die Schulen ab! An allen Ecken begegnen uns dieser Tage die Rufe.

Statt  den Eindruck zu erwecken, man hätte jetzt Lösungen, wie ähnliche Ereignisse zukünftig zu verhindern seien, sollte man meiner Meinung nach vielmehr im direkten Umfeld eines jeden Menschen für Verbesserungen sorgen. Im Kleinen, vor der Haustür, muss angesetzt werden. Mobbing verhindern, Menschen integrieren, ihnen einen sinnhaft ausgestalteten Tag bieten. Potentiale erkennen und nutzen, vor allem in Schulen. Jeder  Mensch muss ernst- und wahrgenommen werden. Entsprechend muss das Umfeld aussehen. (Was angesichts von zahlreichen, fragwürdigen familiären Strukturen sicherlich nicht leicht wird.)

An dieser Stelle ein kurzer Rückblick in die eigene Vergangenheit: Meine Freunde aus der Nachbarschaft und ich waren vielleicht knapp über zehn Jahre alt, als wir bei einem der Väter im Keller heftigste Ab-18-Filme entdeckten. (Unter anderem „Ein Zombie hing am Glockenseil“.) Die ließen wir uns natürlich nicht entgehen. (Entsprechende Spiele mit realistischer Grafik gab es erst später, zu dem Zeitpunkt hatten wir Atari oder Commodore C-64.) Es gab auch Abzocke unter Jugendlichen, Schlägereien mit anderen Gangs, so etwas in der Art. (Einer der Freunde wurde sogar in einem Wald kopfüber aufgehängt und bei entkleidetem Oberkörper mit Disteln ausgepeitscht, bis wir ihn fanden und befreiten.) Aber wir hatten eine intakte, fast heile Welt um uns herum. Mit Sportvereinen, Familien, die da waren, wenn es darauf ankam — und eben Freunden.

Ich erinnere mich da an ein Zitat, ich glaube, es war von Günther Jauch:

„Ich habe in meiner Jugend auch viele Horrorfilme gesehen, aber trotzdem ist die Zahl der Personen, denen ich mit einer Axt den Schädel gespalten habe, überschaubar.“

Spiele und Filme mit Gewaltdarstellungen werden gerne als mögliche Ursachen herangezogen. Wenn jeder, der diese Medien bereits genutzt und konsumiert hat, ein Amokläufer wäre, dann hätten wir aufgrund einer Entvölkerung bald niemanden mehr, der Opfer eines Amoklaufs werden könnte.

Drei Lehrerinnen wurden ebenfalls Opfer des Amoklaufs. Recht überlegte, besonnene Worte aber kommen aus Richtung des Lehrerverbandes und der GEW. Von Zugangs- oder Waffenkontrollen halten sie wenig, fordern aber eine bessere personelle Ausstattung — auch mit psychologisch geschulten Personen. Ein Schritt in die richtige Richtung. Ebenso wie die „Kultur des Hinsehens“, von der eben in den Nachrichten die Rede war. Solange das keine leere Floskel bleibt, sondern  lokal vor Ort mit Leben gefüllt wird.

Eines aber gilt es festzuhalten: Ganz ausschließen kann man auch zukünftig solche Fälle nicht — unabhängig von den ergriffenen Maßnahmen.

Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten wird es immer geben. Mein Professor für Psychiatrie sagte damals in einer Vorlesung:

„Die wirklich Verrückten sitzen nicht in der Psychiatrie, sondern laufen draußen frei herum.“

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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3 Antworten zu Winnenden

  1. Pingback: BemerkensWert: Tagesnachlese vom 19.3.09 « Wahnwogen

  2. Kranker Pfleger schreibt:

    In der Tat: Ich laufe wieder frei rum. Und das, obwohl ich anerkannt geisteskrank bin (Depression). Und arbeite auch wieder ganz normal im Dreischichtendienst. Muß ich nun Amoklaufen oder nicht?

  3. Pingback: Got ‘ya! « Wahnwogen

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