Bella Italia?

Ich komme grade von einer Geburtstagsfeier, zu welcher mein Jüngster eingeladen war. Ein Kindergeburtstag mit 4-5-jährigen, so eine typische Nummer in einem Indoor-Spielplatz, allerdings mit einer sehr beachtenswerten Besonderheit: Der Vater des Geburtstagskindes ist Italiener und Restaurantbetreiber und hat nachgerade wundervolle italienische Speisen gezaubert. Mit Mascarpone und weiteren, alles andere als kalorienbewussten Zutaten. Vollfettstufe, Geschmacksträger pur, eine Sünde.

Also alles Bella Italia, könnte man meinen. Mitnichten! Silvio B. macht’s möglich, dass dem nicht so ist. Und ein Miniaturwunderland mitten in Rom, Vatikan genannt. Strenggenommen nicht mal Italien, aber irgendwie schon.

Was geschehen ist? Dies. Reaktionen auf den Tod der Komapatientin gehen bis zum Vorwurf des Mordes. Das Recht, in Würde zu sterben, wird ja in einigen Kulturen mit Füßen getreten, auch in unseren Gesundheitseinrichtungen ist es relativ schwierig, einfach sterben zu dürfen — da werden 93jährige reanimiert oder mit aller Gewalt auf den OP-Tisch gezogen. (Ich habe mehr als 20Jahre Erfahrung im pflegerischen Bereich in verschiedenen Institutionen, OP und Intensivbereich inkusive, und was ich da schon alles erlebt habe, geht zum Teil auf keine Kuhhaut.)

Der eigentliche Skandal aber sind Reaktionen auf die Entscheidung, Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr abzubrechen. Der Vatikan spricht von Mord (1, 2), Berlusconi, der italienische Despot, wollte sich über den Rechtsstaat hinwegsetzen.

Dass der Vatikan reflexartig bei allem, was mit dem wahren Leben zu tun hat, bellt und „Das darf man doch nicht!“ ruft, daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Es gibt AIDS, es gibt zu viele Menschen ohne Perspektive, aber Kondome, nein, die kommen katholischen Menschen nicht ans Gemächt.

Sterbehilfe, nein, darf nicht sein, auch passiv nicht. (Im Übrigen bin auch ich gegen aktive Sterbehilfe, aber das nur am Rande.) Moment: Die katholische Kirche und Leben… da war doch was? (Aber nein, mit der Inquisition und der Rolle der Kirche im 3. Reich wollen wir hier jetzt nicht anfangen.)

Berlusconi aber ist  demokratisch legitimierter Chef eines rechtsstaatlichen europäischen Landes, eines südeuropäischen zwar, aber das hat in diesem Zusammenhang nicht viel zu sagen. Und  dieses Land hat auch einen Staatspräsidenten, Giorgio Napolitano, der offenbar seine rechtsstaatliche Verantwortung sehr viel ernster nimmt als der Regierungschef selbst und aufgrund verfassungsrechtlicher Bedenken das Berlusconi’sche Eilgesetz zur Wiederanschaltung der Geräte nicht unterzeichnen wollte. (Warum ein Eilgesetz? Monatelang hatte Berlusconi die Füße stillgehalten und nichts unternommen, dann plötzlich musste es ganz schnell gehen.) Die eigene Presse des Medienmoguls reagierte entsprechend. Gleichschaltung auf unterstem Niveau. „Sie haben sie umgebracht!“, titelte „Il Giornale“, eine der Hauspostillen des Mannes aus Mailand.

Silvio B. hat es offensichtlich nicht verwunden, dass die Zeit der Diktatoren vorüber ist. Gewaltenteilung zeichnet eine Demokratie aus. Italien jedoch  ist fest in Händen Berlusconis. Medien und Macht aus einem Guss — Interessenkonflikte inklusive, aber dass interessiert einen Berlusconi offenbar nicht. Überhaupt nicht.

Was ich in diesem Zusammenhang recht interessant finde: Wegen eines Interessenkonfliktes musste er als Präsident des AC Milano, dessen Inhaber er ist, zurücktreten. Und das ist „nur“ ein Sportverein… Als Ministerpräsident eines ganzen Landes und Inhaber der wichtigsten Fernseh- und Printmedien aber wird dieser Interessenkonflikt geduldet. (*KOPFSCHÜTTEL HOCH ZWEI*)

Italien ist einiges an Skandalen und politischen Instabilitäten gewohnt — Berlusconi jedoch ist der personifizierte Skandal überhaupt. Er ist eine Gefahr, ein Despot, eine negative One-Man-Show, machtbesessen und egozentrisch.

Schade. Das italienische Essen eben war so gut… Ciao e arrivederci. Italien hat ja einiges auf dem Kerbholz, aber Berlusconi hat es wahrlich nicht verdient.

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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