Unwort des Tages: Schulden

geldsaeulen (c) kunstgriff/joerg klemme, hamburgJetzt haben wir den Salat. Der Staat darf sich (so gut wie) gar nicht mehr verschulden. Bundesländer gar nicht mehr, der Bund nur noch zu einem geringen Teil. Das Kleinbürgertum hat Einzug gehalten in die große Politik. Es wird gar nicht erst festgelegt, wofür sich der Staat verschulden darf, sondern nur noch, wie hoch diese Schulden sein dürfen.

Jeder Unternehmer und jeder Privathaushalt wird nach drei Hauptkriterien entscheiden, ob Schulden sinnvoll sind oder nicht:

  • Ermögliche ich eine Investition, die ich allein nicht leisten kann?
  • Überbrücke ich eine Durststrecke?
  • Verteile ich Ausgaben auf einen längeren Zeitraum, der der Nutzungsdauer entspricht?

Übertragen auf die Staatsverschuldung lassen sich hier Beispiele finden, die jeden der drei Punkte veranschaulichen:

Große Investitionen kann man oft nicht durch Eigenkapital decken; das gilt für Privathaushalte wie auch für Unternehmen als auch für den Staat. Entwicklungskosten müssen nicht selten kreditfinanziert werden, weil gerade junge Unternehmen keine siebenstelligen Beträge aufbringen können, um diese zu decken. Auch die Rechtsanwaltskanzlei meiner Frau würde es ohne ein Anschubdarlehen sicher nicht geben. Wichtig dabei ist, dass die Rendite höher ist als das eingesetzte Kapital. Wie wir aber soeben lernen, ist das nicht wichtig für die Staatsverschuldung. Demnach werden wir demnächst den Bau von Schulen und ähnlich sinnvollen Investitionen verschieben, weil das Geld nicht da ist.

Ebenfalls bei Unternehmen und Privathaushalten sehr bekannt ist die Durststrecke, oft durch einen Dispositionskredit (bei Unternehmern: Kontokorrentkredit) überbrückt. Gerade Saisongeschäft ist ohne ein solches Darlehen praktisch nicht mehr durchführbar. Der Unternehmer muss seinen Laden zumachen – aber ist DAS eine Alternative zum Kredit? Was macht der Staat in einer Krise (wie wir sie derzeit erleben)? Hängen wir ein Schild an die Grenzen „Dieser Staat ist aufgrund grotesker Schuldenrichtlinien insolvent“?

Kommen wir zum dritten Fall: Der Verteilung von Kosten auf den Nutzungszeitraum (Stichwort „Abschreibungen“). Als Beispiel aus dem privaten Bereich sei hier das Auto genannt, das (mit Ausnahme von unserer Familie) wohl fast jeder hat. Arbeitnehmer X kann in vertretbarer Zeit nur mit dem Auto zur Arbeit fahren, das sind dann pro Jahr x Kilometer, daraus lässt sich errechnen, wann das Auto verkauft werden sollte. Wenn wir so auf eine Nutzungszeit von fünf Jahren kommen, gibt es überhaupt kein Argument, sich das Geld nicht bei einer Bank zu leihen – es sei denn, Arbeitnehmer X kündigt seine Stellung, weil er keine 20.000 EUR für ein Auto hat, das ihn zu dieser Arbeitsstelle bringen könnte.

Natürlich ist es immer schöner, das Geld auf der Bank liegen zu haben und aus dem Vollen zu schöpfen, aber das kann weder der Staat noch die meisten, die diesen Artikel lesen. Abgesehen davon ist es oft ein Argument der Generationengerechtigkeit, Schulden zu machen. Ja, richtig gelesen. Es ist gerecht, die Baukosten einer Autobahn oder einer Schule auf die Generationen zu verteilen, die diese nutzen, statt die gesamten Baukosten auf einmal zu leisten.

Nundenn, jetzt wird auch „unser Staat“ mit kleinbürgerlichen Begründungen argumentieren: Schulen werden nicht gebaut, weil kein Geld dafür da ist, zumindest aber wird der Bau verschoben. Derweil fallen wir in PISA-ähnlichen Studien immer tiefer, was Unternehmen davon abhält, sich hier anzusiedeln. Die Folge davon sind geringere Steuereinnahmen – dann hat der Staat erstrecht kein Geld, um die Schule später zu bauen. By the way: Der Immobilienmarkt wäre praktisch tot mit einer solchen privaten Schuldenregel. Denn das hieße, dass ein Haus oder eine Wohnung nur noch der kaufen kann, der das Geld dafür hat.

Herr, schmeiß‘ Hirn vom Himmel!

Ralf

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