Unworte: Banken, notleidende

Das Unwort 2008. Frisch gekürt.

Notleidende Banken

Mir kommen vor Rührung und Mitgefühl fast die Tränen. Aber eben nur fast. Die Historie kennt viele Versuche, aus Tätern postum Opfer zu machen. (Gerade die deutsche Geschichte ist nicht arm daran.)

Notleidende Banken also. Ach je, die armen Dinger! Jeder Bürger unseres Landes sollte eine Armenspeisung für Bankenmitarbeiter einführen. Notfalls per Gesetz vorgeschrieben.

Kennen Sie „Dick und Jane“ mit Jim Carey? Als Dick Harper stürzt er ab — von ganz oben, von der Leitung des PR-Managements, ins Bodenlose. Steht eingeseift beim Nachbarn unterm Rasensprenger, weil die Liquiditätsprobleme den Wasserhahn dauerhaft zugedreht haben. Das Bild habe ich irgendwie ständig vor Augen, wenn ich „notleidende Banken“ höre. Wir stehen unmittelbar vorm Wochenende. Daher mein Aufruf: Laden Sie einen Banker (irgendwie auch ein deplatziertes Wort… Bänker… und die feminine Form? Bänkerin?), meinethalben den Ihres Vertrauens, am Wochenende ein. Lassen Sie ihn bei sich essen, vielleicht auch duschen — angesichts der Wetterlage und Jahreszeit möglichst nicht im Garten — und womöglich schlafen. Das ist gelebte Nächstenliebe. Wo doch die Kreditinstitute darben.

Altruismus. Kennen Sie vermutlich. Absichtliche Verfolgung der Interessen oder des Wohls anderer oder des Gemeinwohls. Selbstlosigkeit, ja nachgerade Selbstaufopferung. Altruismus also. Hat Grenzen. Muss Grenzen haben. Hat vor der Krise (die ja kotzeschtonk auch eine Chance ist) jemals auch nur einer jener Menschen, die bei den Banken für das Einfahren satter Gewinne und hoher Renditen für die Aktionäre zuständig waren respektive sind, ein Fitzelchen von Gedanken an das Wort Altruismus verschwendet?

Leben Sie den Bänkerinnen und Bänkern in unserem Land vor, dass es auch anders geht. Dass man Geld nicht essen kann. Dass mit Parkett nicht ausschließlich der Börsen-Handelsplatz gemeint sein muss — gehen Sie mit Ihrem Gast tanzen. Tango vielleicht, passt zur Stimmung. Bevorzugt die finnische Variante. (Wenn Sie die hören, gehen Sie dem Unwort des Jahres 2008 fast schon wieder auf den Leim, so tieftraurig ist das.) Oder fahren Sie mit Ihrem Gast in einen Vergnügungspark. Kurbelt die Wirtschaft an und sorgt für gute Laune.

Mal unter uns, wo wir gerade so heimlich und verstohlen beieinander stehen und niemand zuhört: Finden Sie nicht auch, dass der Vorwurf, die Finanzpolitik der Kreditinstitute sei Schuld an der weltweiten negativen Entwicklung an den Finanzmärkten, völlig aus der Luft gegriffen ist? Die haben doch nur ihren Job gemacht! Was macht denn so ein Kreditinstitut, bitte schön? Was ist dessen originäre Aufgabe? Es vergibt Kredite, genau. Wenn da jemand kommt, der dringend Geld braucht, vielleicht auch mal einige Zloty mehr, als man vom Einkommen und Eigenkapital her vertreten kann, ja, würden Sie denn da Nein sagen? Möchten Sie Schuld sein daran, dass das schöne Reihenendhaus mit Zugang zum Fleet nicht gekauft werden kann? Vielleicht schießen sogar Tränchen ein — das möchten Sie auch nicht gerne sehen, oder?

Und: Als Bänker ist es schließlich ihre Aufgabe, den Aktionären eine hübsche Rendite zu verschaffen, so denn Ihr Unternehmen börsennotiert ist. Rendite über alles. Die Spirale des Kapitals kennt nur den Weg nach oben. Und, ganz klar, es soll nicht nur aufwärts gehen, sondern die Gewinnmarge darf gerne auch von einem Quartalsabschluss zum nächsten gehörig anwachsen.

Hey, Moment, wo gehen Sie denn jetzt hin? Nein, einen Vogel zeigen, das geht zu weit! Ich spinne, sagen Sie? Die Banken tun Ihnen nicht leid, im Gegenteil?

Warten Sie mal. Sie haben ja Recht! Ich wollte doch nur einen Spaß machen.

Das Prinzip von Ursache und Wirkung wird völlig auf den Kopf gestellt, wenn Banken als notleidend bezeichnet werden. Ja, doch, das sehe ich auch so. Wir zahlen uns dumm und dusselig, volkswirtschaftlich betrachtet, damit die Folgen der Transaktionen von Banken abgemildert werden. Der Staat — der ja bekanntlich wir alle sind, denn schließlich leben wir in einer Demokratie –, schultert Summen, bei denen mir persönlich schwindelig wird, damit Geldhäuser gerettet werden können. Also doch notleidend? Irgendwie schon, aber selbstverschuldet. Und somit verdienen die kein Mitleid. Hausgemachte Krise. Sollen die doch alleine zusehen, wie sie den Karren wieder aus dem Dreck ziehen.

Wenn’s doch nur so einfach wäre! Wir stellen Campingstühle auf, machen Schnittchen, öffnen einen Roten aus Bordeaux und beobachten das Treiben. Aber leider betrifft das, was wir da sehen, uns alle. ‚Cause money makes the world go ‚round. Wohl oder übel müssen wir da mitziehen. Leider.

Notleidende Banken. Ha! Vergessen Sie die Idee mit der persönlichen Verköstigung und Unterhaltung. Machen Sie das Beste draus. Denn eine Krise ist ja immer auch eine Chance. Sagte die Kanzlerin. Und die muss es ja wissen, ist sie schließlich doch die Mutter der Nation.

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Über kunstGRIFF

Vater, Ehemann, Hundemensch, Dozent, Fotograf & bekennender Castor-Gegner mit Hang zu allerlei, zur Gitarre zum Beispiel oder zur Hühnerherde oder zum eigenen Kompost. Mag Bücher und Eichhörnchen. Und Katzen, zumindest zeitweise. Und den FC St. Pauli, obwohl diese Beziehung in letzter Zeit einige Dellen aufweist. Wurde vor Jahren aus Hamburg ins wendländische Gemüse gezerrt und zur Landpomeranze gemacht, wandert aber demnächst aus dem Wendland wieder aus. Die Wassermühle in Tangsehl war einfach zu anmutig, um sie zu ignorieren.
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