Die neueste Nummer der Bahn AG

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da gab es ein Unternehmen Deutsche Bundesbahn. Deren Zweckbestimmung war es, Personen und Güter mit dem Zug zu befördern. Dieses Unternehmen gibt es nicht mehr. Jetzt gibt es aber ein anderes Unternehmen. Dieses Unternehmen heißt Deutsche Bahn AG. Zweckbestimmung dieses neuen Unternehmens ist es, Geld zu verdienen – unter anderem durch das Befördern von Waren und Personen mit dem Zug. Und ja: Das ist etwas ganz, ganz anderes.

Ich bin passionierter Bahnfahrer. Derart passioniert, dass ich auf den Besitz eines Autos verzichte und alle paar Monate mal ein Carsharing-Auto für ein bis zwei Stunden benutze. Ich werde oft gefragt, warum das so ist und ich antworte mit einer beliebigen Auswahl aus folgenden Begründungen: Ich muss kein Auto im Winter freikratzen, es ist preiswerter, in aller Regel zeitlich effektiver (Motto: Wer in einen Zug einsteigt und darauf wartet, dass er ankommt, hat das Zugfahren nicht verstanden) und zu guter Letzt empfinde ich es als viel vornehmer, gemütlich in der Ersten Klasse zu sitzen und mich fahren zu lassen, statt selbst hinter dem Lenkrad zu sitzen.

Leider sind Beförderungsfälle unserer Gattung die leidensfähigsten Zeitgenossen unter den Kunden der DB. Als Bahnfahrer hat man immer eine Menge zu erzählen. Darum gibt es hier auch eine eigene Kategorie für dieses Unternehmen.

In einer Pressemitteilung von heute erklärt die Bahn, dass sie in Zukunft Aufrufsysteme einführen wird. Für die Unkundigen unter uns: Aufrufsysteme kennt man von Behörden; da drückt man eine Taste an einem Automaten, kriegt eine Nummer zugewiesen und wartet bis selbige aufgerufen wird (es gibt übrigens eine herrliche Folge von Mr. Bean zu diesem Thema). In einigen Medien war sogar zu lesen, dass Sitzgruppen eingerichtet werden sollen.

Meine lieben „Freunde“ von der Bahn. Der Kunde will nicht warten (und zwar weder sitzend noch in der Schlange stehend). Bitte löst doch endlich mal das Problem des hohen Beratungsbedarfes durch Vereinfachung der Tarife. Eure Automaten sind so kompliziert dass ihr Personal danebenstellen müsst, die selbige den Kunden erklären (wahrscheinlich dieselben Mitarbeiter, die vorher im Reisezentrum selbst verkauft haben). Die Herumprobiererei mit Einzel- oder Zentralwarteschlangen, mit Warteräumen (sog. Lounges), das Kundenverärgern durch die Einführung von Servicepauschalen und Erhöhung von Reservierungsentgelten führt in erster Linie dazu, dass ihr eines nicht tut: Personen befördern.

Bei der Beobachtung der DB in den letzten Jahren – und das trifft ausdrücklich auch auf die Mitarbeiterzufriedenheit und das Betriebsklima zu, denn man redet ja auch öfters mit dem Personal der DB – stelle ich fest: Das Unternehmen entwickelt sich zum Nachteil seiner Kunden, seiner Mitarbeiter und des Steuerzahlers. Die professionelle Verschleuderung von Volksvermögen, die im Zuge der Privatisierung geplant war, ist glücklicherweise durch die Finanzkrise gestoppt worden. Eine ausreichende Anzahl Mandatsträger, die couragiert genug waren, sich dagegen aufzulehnen, hat sich ja leider nicht eingefunden.

Ich werde jetzt sicher nicht dazu aufrufen, die DB zu meiden. Schon, weil ich das in Ermangelung einer Alternative gar nicht glaubwürdig könnte – denn Wasser zu predigen und Wein zu trinken, ist nicht meins. Nein, ich möchte dazu auffordern, den ÖPNV im Allgemeinen und die DB im Besonderen noch viel intensiver zu nutzen. Und wenn man so durch gestiegene Nachfrage das Angebot erhöht hat, kann man gleich das Gespräch mit den Mitarbeitern nutzen, um seine Meinung kundzutun. Oder man schreibt einfach Herrn Mehdorn. Davon haben dann alle was. Die Kunden, die Mitarbeiter und der Steuerzahler.

Ralf

P.S.: Zur Erinnerung hier noch ein wirklich geiles Zitat über die Zweckbestimmung (hier gefunden):

Die Eisenbahn ist ein Unternehmen, gerichtet auf wiederholte Fortbewegung von Personen oder Sachen über nicht ganz unbedeutende Raumstrecken auf metallener Grundlage, welche durch ihre Konsistenz, Konstruktion und Glätte den Transport großer Gewichtmassen, beziehungsweise die Erzielung einer verhältnismäßig bedeutenden Schnelligkeit der Transportbewegung zu ermöglichen bestimmt ist, und durch diese Eigenart in Verbindung mit den außerdem zur Erzeugung der Transportbewegung benutzten Naturkräften (Dampf, Elektricität, thierischer oder menschlicher Muskelthätigkeit, bei geneigter Ebene der Bahn auch schon der eigenen Schwere der Transportgefäße und deren Ladung, u. s. w.) bei dem Betriebe des Unternehmens auf derselben eine verhältnismäßig gewaltige (jenach den Umständen nur in bezweckter Weise nützlich, oder auch Menschenleben vernichtende und die menschliche Gesundheit verletzende) Wirkung zu erzeugen fähig ist.

Urteil vom 17.03.1879 ; RGZ 1, 247 (252)

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2 Antworten zu Die neueste Nummer der Bahn AG

  1. wahnwogen schreibt:

    Anmerkung des passionierten Bahnvermeiders unter den Wahnwogenden: Wann immer sich die Notwendigkeit ergibt, die Bahn nehmen zu müssen (was eher selten vorkommt), erlebe ich die Bahn nur als Unternehmen des Wartens. Offenbar gehört Warten zum Handwerk, zur Firmenphilosophie. Trifft man jemanden auf der Straße, der einem zuruft: „Warten Sie bitte mal!“, so ist Vorsicht geboten — es könnte sich mit einigem Pech um einen Wahn Bahnmitarbeiter handeln. Somit wundert es mich nicht wirklich, dass jetzt Systeme für das Wartenden-Management eingeführt werden sollen, statt das Übel an der Wurzel zu packen. Im Sinne der Bahn ist es schon wieder authentisch.

    In diesem Sinne… Jörg

  2. smirne schreibt:

    Was kommt eigentlich als nächstes? Die Nummerierung der Fahrkarten, damit erst die Leute mit den Fahrkarten von Nr. 1 – 40 reinlässt, damit sie sich die besten Plätze aussuchen können, a la Billigflieger? Auch ich bin überzeugter Bahnbenutzer, allerdings fällt es mir in den letzten Jahren immer schwerer davon überzeugt zu sein. Die Unternehmensphilosophie geht weg vom Kunden, der stört nur. Die Vertriebswege auf dem Land sind schon längst auf Elektronik umgestellt, entweder Automat oder Internet. Um zum nächsten Fahrkartenschalter mit Beratung zu kommen, muss man schon in die Großstadt fahren. Da wird einem dann auch erklärt, wie der Automat zu bedienen ist, der auf dem Land steht. Aber dort ist man alleine gelassen. Auch auf dem Bahnsteig. Ohne Infos. Seit einiger Zeit werden ja sogar die Durchsagen eingespart.

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